Das Unmögliche möglich machen

Wettlauf gegen die Zeit. Damit in Südsibirien eine der größten Erdgasverarbeitungsanlagen der Welt entstehen kann, ist eine logistische Meisterleistung notwendig. Als Project Logistics Manager bei Linde sorgen Katja Baumgarten und das Projektlogistikteam dafür, dass dieses Mega-Projekts reibungslos über die Bühne geht – ein Job, in dem Überraschungen dazu gehören.

„Und, was machst Du so“? Die Frage ist der klassische Eisbrecher auf jeder Party. Auch wenn sich daran in den wenigsten Fällen packende Gespräche entzünden. Dafür geben die meisten Jobs einfach zu wenig her. Außer man trifft auf Katja Baumgarten. Wenn sie anfängt von ihrem Beruf zu erzählen, dürfte es vielen Menschen kurz die Sprache verschlagen. Wenn Baumgarten von gigantischen Projekten in den entlegensten Winkeln der Welt erzählt. Von extremen klimatischen Bedingungen. Und von einem eng getakteten Zeitplan, in dem jedes kleine Rädchen ineinandergreifen muss, damit das Projekt nicht scheitert. Kurz: Von ihrem Job, das Unmögliche möglich zu machen.

Amur Aufmacher
Yevgen Timashov/ Offset.com
Grafik Transportwege

20.000 Kilometer über die Weltmeere
Die Amur-Region in Russland, Südsibirien. 8000 Kilometer östlich von Moskau entsteht nahe der chinesischen Grenze eine der größten Erdgasverarbeitungsanlagen der Welt. Aus dem Nichts. Es gibt dort keine Straßen, keine Häfen, keine Infrastruktur. Im Winter fällt das Thermometer regelmäßig unter minus 30 Grad. Linde liefert für dieses Mega-Projekt die Technologie. Das bedeutet riesige, tonnenschwere Bauteile 20.000 Kilometer von Europa über die Weltmeere zu verschiffen. Dann 1.500 Kilometer den Amur, Asiens Amazonas, aufwärts. Das letzte Stück führt über den wilden Gebirgsfluss Zeya – in eigens erbauten Bargen und Tugs, Spezialbooten, die den seichten Fluss auch mit gewaltiger Ladung passieren können. Und all das in einem Wettlauf gegen die Zeit – denn nur zwischen Juni und Oktober ist der Fluss überhaupt befahrbar. „Man muss diesen Job lieben,“ sagt Katja Baumgarten.

Leidenschaft für Organisation
Katja Baumgarten ist eine klassische Quereinsteigerin. Dass sie einmal Teil des Logistik-Teams von Linde Engineering werden würde, war zum Start ihrer beruflichen Karriere noch nicht absehbar. Denn Baumgarten ist gelernte Dolmetscherin, Englisch und Französisch. „Nur das zu weiterzuverarbeiten, was andere geschaffen haben, war mir aber bald nicht mehr genug,“ erklärt sie. Baumgarten wollte Dinge selbst in die Hand nehmen. Nach einem Studium für Außenwirtschaft und einer Station im Außenhandel kam sie mit Logistik in Berührung. Luftfracht buchen, Zeitpläne koordinieren – Baumgarten entwickelte schnell eine Leidenschaft für Organisation. „Mir hat das unheimlich Spaß gemacht.“ Nach mehreren Stationen und einem Aufenthalt in Japan suchte sie nach einer neuen Herausforderung, als Linde in Dresden einen Versandbearbeiter suchte. Baumgarten musste nicht lange überlegen. Und hat sich mit den Jahren zur Expertin für komplexe Projekte entwickelt.

Transport über einen der wildesten Flüsse der Welt
Das „Amur-Projekt“ ist bisher sicherlich ihre größte Herausforderung. Es ist ein weltumspannendes Projekt mit vielen unterschiedlichen Lieferanten. Koordination ist alles. Fracht muss aus Bremen genauso wie aus Korea nach Russland und von dort zur Baustelle gelangen. Kleinere Bauteile werden von Schiffen auf Laster oder Züge umgeladen. Doch das kommt für riesige Bauteile nicht in Frage – etwa für eine 90 Meter lange und 1000 Tonnen schwere Trennkolonne. Linde ließ daher extra sieben spezielle Lastkähne anfertigen, die mit 1000 Tonnen Ladung die abenteuerliche Strecke auf dem Amur zurücklegen. Wenn nach 1500 Kilometern vom Amur der Zeya abzweigt, stoßen die Schiffe auf ihre größte Hürde. Der Nebenfluss des Amur hat im Sommer teilweise nur eine Wassertiefe von 1,10 Metern. Damit die Schiffe nicht auf Grund laufen, setzt Linde ein sogenanntes Pontonsystem ein – Auftriebskörper, die seitlich an den Booten angebracht werden. Sie halten das Boot über Wasser. Sie sorgen aber auch dafür, dass an manchen Stellen des relativ schmalen Flusses für den Kapitän schweißtreibende Millimeterarbeit gefragt ist.

Katja Baumgarten
Amur Baustelle

Überraschungen gehören zum Alltag
Jede Verzögerung bei der Logistik kann das gigantische Projekt verzögern und viel Geld kosten. Dass dies nicht passiert, ist Baumgartens Aufgabe. „Man muss Überraschungen einplanen,“ sagt Baumgarten und freut sich darüber. Bei ihr ist kein Tag wie der andere –  genau das ist es, was ihren Job so spannend macht. Sie skypet mit Kollegen auf der russischen Baustelle, verhandelt mit Lieferanten aus der ganzen Welt und sorgt dafür, dass Waren in der richtigen Qualität rechtzeitig fertiggestellt werden und vor Ort sind. Es ist ein stressiger, aber erfüllender Job. „Was mich besonders motiviert ist die Zusammenarbeit im Team. Alle sind unheimlich engagiert und halten zusammen – dafür bin ich sehr dankbar.“

Auf der sibirischen Baustelle war Baumgarten ebenfalls schon. Eineinhalb Tage dauerte die Anreise mit Passagiermaschinen, einem Propellerflugzeug und einem Auto über eine Schotterpiste zur Baustelle. Doch als Baumgarten dort ankam und die riesige Baustelle vor sich sah, war jeglicher Anreisestress schlagartig vergessen. „Mir verschlägt es nicht oft die Sprache, aber das war einfach nur beeindruckend. Man kommt sich plötzlich unheimlich klein vor.“ Einen entscheidenden Anteil zu diesem Megaprojekt zu leisten – das ist etwas, das Katja Baumgarten nie vergessen wird.